A****karte

Stellt euch vor, ihr seid mit drei Menschen und fünf Hunden auf einem Waldweg unterwegs, eure "Jagdbolzen" gehen vorschriftsmäßig angeleint, die nicht-jagenden dürfen offline. Ihr seid ziemlich dicht an einer Kreisstraße, kaum 500 m vom nächsten Ort und unterhaltet euch nach Menschenart nicht gerade im Flüsterton ... da kommt euch mitten auf dem Wanderweg ein Rehbock entgegen, der offensichtlich nur auf drei Beinen geht.

Der Bock senkt den Kopf, bewegt sich auf den vordersten Hund zu, lässt sich beschnuppern, dann streicht er ab in den Wald. Drei Hunde mit sich ziehend: sie missverstehen den gesenkten Kopf als Spielaufforderung *seufz*. Aus dem Unterholz nur noch lautes Knacken, das aufgeregte Gekläff des kleinen Terrier-Mix, dann ein unheimlicher Schrei ... und noch einer ... noch einer. Die Geräusche kommen immer aus der gleichen Richtung, immer aus gleicher Entfernung. Nur Gezeter, kein "Kampfgerangel".

 

Drei Menschenherzen rutschen sichtlich auf Kniehöhe. Ratlos schauen wir einander an, versuchen unsere Hunde abzurufen. Kein Pfiff hilft. Ein Mitwanderer hat Blickkontakt durch das lichte Unterholz. Jemand MUSS hin und nachsehen!

 

Inzwischen hat das Schreien aufgehört, nur der kleine Terrier-Mix gibt weiterhin Standlaut. Ich also den Rucksack runter, Jettes Leine dem nächststehenden, leicht verdutzten Mitwanderer in die Hand gedrückt und ab ins Unterholz.

 

Kaum 50 m neben dem Weg kauert das Wildtier hoch erhobenen Hauptes an einem Baum *Gott sei Dank! Es lebt!*. Terrier-Mix kommt sofort zu mir her und lässt sich anleinen. Er wirkt einigermaßen erleichtert, dass endlich ein Zweibeiner die Sache klärt. Retriever-Mix leckt dem Böckchen eine offene Wunde an der Kruppe und kommt dann auch ohne Zögern her zu mir. Hat das Böckchen offenbar nicht als "Beute" betrachtet, eine solche würde er vor mir in Sicherheit bringen wollen.

Man weiß dass Rehe "vor Schreck" sterben können, ihr Herz-Kreislauf-System ist stressanfällig. Gehetztwerden ist Stress. Der erwachsene Rehbock hat eine handtellergroße frische Wunde auf der Kruppe. Das Fell fehlt, man kann direkt auf die Muskeln schauen. Mir ist jetzt noch ganz schlecht.

 

Kann sein dass er sich beim "Ritt ins Gelände" an einem der Äste selbst gespießt hat, dem auch meine Bluse Tribut zollt. Einen Angriff durch einen der Hunde möchte ich ausschließen, da wäre es nicht bei einer einzigen Wunde geblieben. Und die Geräuschkulisse wäre eine andere gewesen.

 

Wie verhält man sich in einer solchen Situation richtig?
Außer die Hunde so schnell wie möglich da wegzunehmen?

 

Nun, wir haben noch gut eine Stunde bis zu unserem Ausgangsort. Die nächsten zwei Kilometer gehen wir ziemlich nachdenklich und schweigsam. Das Bild des verletzten Rehbocks lässt mich nicht los. Zuhause angekommen und ein Beruhigungsschnäpschen später verständige ich das zuständige Polizeirevier. Der Wachhabende verschafft sich anhand meiner Ortsbeschreibung schnell einen Überblick über das Gelände, lässt sich Unfallort und -hergang schildern. Unaufgeregt sachlich, das beruhigt erstmal. Er wird den Jagdpächter informieren. Lieber ein Gnadenschuss als unnötiges Leiden.

 

Wir hätten die Begegnung wohl nur verhindern können, wenn wir daheim auf'm Sofa geblieben wären ... oder ausnahmslos ALLE Hunde angeleint hätten. Auch die, die über Jahre hinweg keine jagdlichen Ambitionen gezeigt haben.

 

Wie man's auch dreht und wendet:
Unsere Hunde haben bei solchen Begegnungen IMMER die A***karte.

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Götz (Dienstag, 16 Juli 2013 18:01)

    Ja, man möchte niemandem eine solch machtlose Situation wünschen. Dann ab jetzt im Wald eben immer mit Leine. Es steckt eben doch in jedem Hund ein Wolf. Wenn auch die drei sicher nicht Böses im Sinn hatten.......der Rehbock wusste das nicht.