"Dieser Wald ist anders!"

 

Geradezu zynisch mutet das (sicherlich gut gemeinte) Naturschutzschild am Tailfinger Wald an, das auf die besondere Schutzwürdigkeit dieses Biotops hinweist. Besonders wenn man vorher auf dem Gedenkpfad unterwegs war ...

 

Auf der nur 7 km langen Strecke rund um den "Tailfinger Wald" (Hailfinger Flugplatz) ergaben sich interessante Erkenntnisse.

 

Nur drei von fünfzehn Erwachsenen (Zugezogene!) wussten schon beim heutigen Start vom Vorhandensein eines KZ-Außenlagers und den grauenvollen Vorkommnissen auf Gemarkung Hailfingen-Tailfingen.

 

Sicherlich sind die Einheimischen nicht vergesslicher, nicht gleichgültiger gegenüber menschlichem Schicksal. Diese Familien haben diese Zeit nur anders erlebt. Andere Traumatisierungen erfahren. Gehen anders damit um.

 

Wohl erst die Kinder der meisten "Wanderwölfe"-Teilnehmer kennen den Themenkomplex bestenfalls aus dem Geschichtsunterricht. Gnade der späten Geburt. Mögen ihnen ähnliche Erlebnisse erspart bleiben.

 

Doch dazu müssen wir, die Generation mit eigenen Erinnerungen an die Spätfolgen von Krieg, Vertreibung, Wurzellosigkeit, immer wieder den Mantel des Schweigens lüften, es auf uns nehmen, die Gedenkstätten zu besuchen und über ihren Sinn zu sprechen.

 

Und auch in der heutigen Zeit die Augen offenhalten und unsere Stimmen erheben, wenn wir das Gefühl haben "hier läuft was falsch im Umgang mit Menschen (anderer Kultur)".

Wie immer ein dickes Dankeschön an die Tour-Fotografen,

die trotz november-mieselpriemigem Wetter wieder tolle Bilder gemacht haben:



17.11.2013

Was die Zuckerrüben nicht verraten
Besinnlicher Spaziergang am Volkstrauertag

   | 7 km | 20 hm

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Kommentare: 3
  • #1

    Götz (Montag, 18 November 2013 13:46)

    Tja, was soll ich sagen. Ich hatte Glück was die Vertreibung oder das Flüchten angeht. Die Familie meiner Mutter ist von Eisenach nach Stuttgart gezogen und meines Vaters Familie von Koblenz nach München. Mein Opa mütterlicherseits war als Major im Russlandfeldzug und ist ohne sichtbaren Verletzungen wieder heim gekommen. Mein Vater durfte als Hitlerjunge (Bj.1932) Leichenteile aus den Häusern tragen. Beide sind oder waren alles andere als Nazis. Aber das war eine andere Zeit und nicht im Mindesten mit heute vergleichbar. Ich bin froh in der heutigen Zeit zu leben. Seit Anbeginn der Zeit ist unsere Generation, ich zähle mich mit zu Deiner Generation Cordula weil ich ein 1964er bin, die erste die wahrscheinlich keinen Krieg im eigenen Land erleben muss.

  • #2

    Cordula (Montag, 18 November 2013 15:16)

    Du sprichst ein wahres Wort gelassen aus, lieber Götz: Der Krieg im eigenen Land ist uns bisher erspart geblieben. Doch dass ich heute hier sitze und für euch schreibe, verdankt ihr u.a. dem Umstand dass die Pershing, die 1986 auf der Heilbronner Waldheide (2 km Luftlinie von meinem damaligen Arbeitsplatz) ausbrannte, ausnahmsweise (!) nicht mit Gefechtskopf bestückt war.

    Eine Generation später sind wir immer noch in der Pflicht, die Stimmen noch lauter und dauerhafter zu erheben, damit Kindern in aller Welt Familiengeschichten wie diese hier erspart bleiben:

    Großeltern väterlicherseits (Niederlausitz) Februar 1945 in Dresden verschollen
    Großeltern mütterlicherseits (Mecklenburg) 1949/50 verstorben
    Die Waisen wurden auf Verwandte verteilt (von der Ostsee bis ins Erzgebirge); Mutter als 11-jährige Vollwaise nach Berlin (West); „Zille-Milljöh“ (Hinterhaus, 4 Treppen).
    Vater (Jahrgang 1925) nach Krieg und Gefangenschaft (Stalingrad) 1956 mit den letzten Heimkehrern nach Berlin.

    1961: Mauerbau, Hochzeit, Flucht (?) nach Süddeutschland
    1962: ich – beinahe ein Schwäbele

    Seltene „Pflicht“-Briefe zu Weihnachten und den Geburtstagen der Ost-Verwandten; auch nach 1989 wurde der Kontakt nicht enger. Da fehlten einfach 30 Jahre im Beziehungsaufbau.

    Meine persönlichen „Spätfolgen“:
    Das an sich harmlose Rennsteig-Lied treibt mir heute noch regelmäßig „Pipi“ in die Augen: Immer wenn es im Radio gespielt wurde, angelte Mutti nach den Taschentüchern.
    Zuletzt fuhr ich im September 2013 über die A9 und kam unter dem Brückenrasthaus Frankenwald bei Hof durch. Wieder Gänsehaut und das „graue Gefühl“, das einen früher spätestens ab hier beschlich und das auch erst hier wieder wich, auch wenn man nur „Transit Berlin“ unterwegs war.
    ======================
    Wenn es das Wanderwölfe-Rudel nicht gäbe, würde zur Bewirtung meiner Familie bis in den 2. Grad das übliche 18-teilige Service gut reichen ...

  • #3

    Götz (Mittwoch, 27 November 2013 21:05)

    Ich muss eine kleine Korrektur vornehmen. Mein Opa väterlicherseits war in Russland. Irgendwie waren meine Finger schneller als mein Verstand. Mein Opa mütterlicherseits war ein extremer Linker (im damaligen Volksmund einfach Kommunist genannt). Aber es ändert an der Tatsache nichts, dass meine Familie relativ unbeschadet den Krieg hinter sich gebracht hat.